Pokémon, Weltherrschaft und die NPD

Antwortartikel auf Pedros „trigami. Was ist das?„:

Eine Aktiengesellschaft, die ‚Social Media Marketing‘ betreibt. Ähnlich wie bei Viraler Werbung soll hier auf Blogs oder in Communities durch gezielte Artikel auf Firmen oder Produkte aufmerksam gemacht werden. Du verkaufst damit nicht nur deine Arbeitskraft, sondern auch andere, die sich diese Seite anschauen.
Ein Blog ist ein Online-Tagebuch! Auch, wenn hier kein Artikel mit „Liebes Tagebuch, heute war wieder ein ganz doofer Tag!“ beginnt, spiegelt es doch die Gedanken und Gefühle der Autoren wieder. Natürlich nur sehr ausschnitthaft – wer will schon sein ganzes Privatleben ins Internet stellen? Aber jeder der mag kann sich hier anschauen, was wir für so erwähnenswert halten, dass wir es hier auf die Seite stellen – worüber wir gelacht oder uns geärgert haben oder was uns halt sonst so beschäftigt.
Ab und an, wenn ich Langeweile habe, schaue ich hier gerne ins Archiv und schmunzele über einige Artikel, weil ich sie heute nicht mehr so, oder gar nicht geschrieben hätte. Aber das wichtigste ist, dass ich etwas damit verbinde. Wenn ich auf das „CHARLIEEEE“-Video stoße, sind damit eine Menge Emotionen und Gedanken verbunden. Ich denke dann automatisch an Begebenheiten zu der Zeit. Nicht nur mit wem ich darüber lachen konnte oder wem ich begeistert davon erzählt habe – es ist wie … sagen wir mal eine Art assoziatives Tagebuch. So wie man ein echtes Tagebuch liest und bei dem Satz „Fred ist ja soooo süß“ innehält und schmunzelt, weil man das geschriebene nun aus einer neuen Perspektive sieht. Vielleicht hatte die Autorin mit Fred später ihren ersten Kuss und noch etwas später kam es zum großen Streit. Dennoch Steckt eine ganz persönliche Erfahrung dahinter die man für kein Geld der Welt eintauschen sollte, da jeder geprägt durch seine Erfahrungen heute der ist, der er ist.
Sicherlich werden wir täglich beeinflusst. Und so ziemlich jeder Artikel auf leetblog ist durch irgend eine Art von Beeinflussung entstanden. Egel durch welche Art von Medium werden wir mit so viel Schrott zugeballert, der Teil unserer Welt wird … ach am besten mal ein kleines Beispiel:
Stellt euch vor, ihr hättet in der goldenen Zeit der Pokémon einen Artikel über Pokémon geschrieben. Einige hätten geschrieben: „Jeah, ich hab jetzt eine Karte von ‚Super-Fluffi-Muh'“ und andere: „Boah, ich kann nirgends mehr hinschauen ohne irgend ein Pokéfich zu sehen und kein Gespräch mehr führen, in dem nicht mindestens einmal von ‚Super-Fluffi-Muh‘ geredet wird…“
Natürlich war das eine scheiß Sendung, die nur darauf abzielte ihr Merchandising-Gebamsel und die Idee des Spiels „Magic“ nochmal zu verkaufen. Da saß kein Künstler hinter, der eine Serie schreiben wollte, die die Herzen der Kinder berührt, oder auf diese Weise etwas weitergeben wollte außer: „Get ‚em all“ ( – ihr ahnungslosen kleinen Konsumenten!)
Trotzdem hat so ein Artikel einen höheren Wert als etwas von der Trigami AG verbreitetes: Es ist etwas, womit du dich freiwillig auseinander gesetzt hast. Die einen haben es geliebt, die anderen verteufelt – aber es hängen echte Emotionen daran. Auch wenn du das so nicht einsehen kannst oder willst ist es das, dass jeden Blog einzigartig macht. Es ist ein Stück Kunst – ein Hauch von Leben. Keine sachliche Berichterstattung, keine ‚Arbeit‘ für die man bezahlt wird. Man schreibt freiwillig, weil einem etwas daran liegt, es weiterzugeben.
Wenn du mit dem schreiben Geld verdienen möchtest, bewirb dich bei einer Redaktion. Wenn du Lust am Schreiben hast und du nicht alleine auf den Kosten für einen Webserver sitzenbleiben möchtest kannst du dir sicher die Kosten mit der Trigami AG teilen – Geld verdienen wirst du sicher – aber ob du bekommst, was du verdienst ist eine völlig andere Sache. Das Geld, welches durch das verbreiten bestimmter Texte irgendwo eingenommen wird, bleibt zu einem großen Teil in dem jeweiligen Unternehmen – sonst würde es ja keiner machen. Dann kommt die Trigami AG, die für ihr erfolgreiches Werbekonzept sicher mehr verlangen, als sie eigentlich verdient hätten und dann kommen die paar Kröten, die du für deine Arbeit bekommst.
Erinnerst du dich daran, wie ich reagiert habe, als Wiltmann seinen Online-Shop-Link gepostet hat? Ich glaube, dass er bis heute noch nicht so ganz verstanden hat, warum ich so reagiert habe. Aber ich habe auch nach meiner Gewerbeanmeldung hier nicht geschrieben: „Kauft alle einen Computer von mir…“ Weil leetblog nicht dafür da ist sich auf diese Weise zu bereichern.
Noch ein Beispiel: Du willst ins Kino gehen und den neuen „Pokémon-Film“ sehen. Der Eintritt: 7,50 €. Kurz vor der Kasse steht da jemand der dir sagt: „Hey, wenn du in den neuen Digimon-Film gehst, gebe ich dir 5,00 €“ – Der Eintrittspreis läge für dich also bei 2,50 €. Was tust du? Naja, wenn du in den Pokémon-Film gehst, würdest du in den nächsten Tagen deinen Freunden darüber berichten, wie sehr oder wie wenig er dir gefallen hat. Bei dem Digimon-Film wirst du etwas über den Digimon-Film zu berichten haben. Und wie wir spätestens seit Media-Markt wissen: es gibt keine ’negative Werbung‘. Und deine Zeitgenossen werden entweder Pokémon, Pokémon, Pokémon oder Digimon, Digimon, Digimon zu hören bekommen. Indem du darüber erzählst, verbreitest du in erster Linie den Namen. So verleihst du entweder den Pokémon oder den Digimon eine gewisse Macht. Wenn jetzt ganz viele „gekaufte“ Kinobesucher über Digimon berichten ist das wie Werbung – nur effektiver. Es ist der Unterschied ob irgend eine Frau im Fernsehen sagt: „OB – nimmt die Flüssigkeit da auf, wo sie entsteht!“ oder ob das Roland Kaiser sagt oder – noch eine Stufe weiter – ob jemand aus dem Freundes-und-Bekanntenkreis sagt: „Ich hab das mal ausprobiert. Das ist echt ein angenehmeres Gefühl und ich vergesse schon nach kurzer Zeit, dass die „Rote Zora“ zu Besuch ist. Keine Angst, dass die Binde verrutscht oder man etwas sieht – ich fühle mich einfach sicherer.“ Und ich denke, dass es schon einen Unterschied macht ob das aus freien Stücken erzählt wird, oder ob dich jemand dafür bezahlt.
Nochmal: es gibt keine Negative Werbung. Wenn jemand so einen „NPD – Nein Danke!“-Aufkleber an eine Laterne klebt, dann bewirkt es bei verschiedenen Menschen verschiedenes: die einen denken sowieso schon ähnlich und müssen nicht davon überzeugt werden. Die anderen sind überzeugte NPD-Anhänger und fühlen sich durch so einen Aufkleber wahrscheinlich noch bekräftigt, denn anscheinend gehören sie zu einer größeren Gruppe. Wenn Aufkleber professionell hergestellt werden, die sich gegen die Gruppe Richtet, der ich angehöre, dann weiß ich doch: „Hey, ich kann in dieser Gruppe ganz schön was bewegen.“ Zu guter Letzt gibt es nun diejenigen, die zu diesem Thema noch gar keine Meinung haben oder die überhaupt nicht wissen, worum es sich dabei handelt. Durch diesen Aufkleber sehen sie vielleicht, dass die NPD eine Gruppe ist, die eine gewisse Macht hat, oder dass es Menschen gibt, die sich davor fürchten. Dass es ein Aufkleber gegen dieses Grüppchen Menschen ist, spielt erst einmal gar keine Rolle. Nur weil die meisten gegen etwas sind war das für mich nie ein Grund nicht anderer Meinung zu sein.
„Geiz ist geil“ und „Ich bin doch nicht blöd“ waren doch nicht deswegen so erfolgreich, weil alle Menschen so beschränkt sind und auf diese Art von Niveau in der Werbung stehen. Nein. Es gibt Leute, die sind Stammkunden in Läden der Metro-Gruppe und es gibt Leute, die würden so einen Laden niemals betreten. Bei allen anderen hat diese Werbung nur das bewirkt, was sie sollte: Aufmerksamkeit erzeugen.
Wenn 2000 Blogger über eine bestimmte Messe schreiben, dann ist es egal, ob die meisten Beiträge positiv oder negativ sind. „Die CeBit ist so ein riesen Event, dass man es von allen Seiten hört. So viele Leute waren anscheinend da, einigen hat es gefallen, anderen nicht – da muss ich mich doch mal selber überzeugen…“ und schwupp, hat man sich die Eintrittskarte zugelegt. Bei so erfolgreichen Veranstaltungen und Waren sind die Verkaufszahlen ab einer gewissen Bekanntheit exponentiell, weil immer mehr Menschen darüber berichten und dass soll jetzt mit der Marketingstrategie von der Trigami AG künstlich erreicht werden. Wenn sich genug Deppen dazu bereiterklären dabei mitzumachen, dann… ach egal… ich sag mal einfach „Nein Danke!“
@Pedro: Also, teste von mir aus damit rum – vor allem, wenn du es kennzeichnest, soll es mir recht sein – aber grundsätzlich bin ich eher dagegen und ich könnte dir, außer dass du nicht auf das bisschen Geld angewiesen bist noch einige Gründe nennen, warum du das lassen solltest – oder zumindest auf leetblog lassen solltest.

Da stellt sich mir mal wieder die alte Frage:
‚Beherrscht der Mensch das Internet oder Beherrscht das Internet den Menschen?‘ oder ‚Warum sollte ich ein Ungeheuer zähmen?‘

MFG

Andy-H

P.S.: Was wäre wohl, wenn ich durch trigami etwas verbreiten lassen würde und dann einen Suchmaschinenanbieter dafür bezahle, dass die positiven Artikel bei der Suche nach meinem Produkt ganz oben stehen?
Was wäre, wenn ich die negativen ganz oben stehen haben wollte – z.B. von Produkten der Mitbewerber?

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Andy-H

There are 2 comments. Add yours

  1. 23rd Oktober 2009 | Andy-H says:
    heftig, was bin ich da vom eigentlichen Thema abgewichen
  2. Pingback: Roland Kaiser : Biographie, news, Fotos, Videos 30.10.2009

    […] Pokémon, Weltherrschaft und die NPD leetblog – PeopleRank: 0 – 22.10.2009 …Roland Kaiser sagt oder – noch eine Stufe weiter – ob jemand aus dem Freundes-und-Bekanntenkreis sagt: “Ich hab das mal ausprobiert. Das ist echt ein angenehmeres Gefühl und ich vergesse schon nach kurzer Zeit, dass die “Rote Zora” zu Besuch… + voten […]

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